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Editorische Notizen Über den Seelenkalender

Über die Satzzeichen in den Seelenkalender-Sprüchen

Wer verschiedene Ausgaben des Seelenkalenders vergleicht, stellt fest, dass diese in Bezug auf die Handhabung von Satzzeichen nicht einheitlich sind.

(Aufgrund des Kommentars eines Lesers wurde dieser Beitrag am 21. Juli 2021 aktualisiert. Sie gelangen direkt zu der Aktualisierung, wenn Sie hier klicken.)

Beispiele für die unterschiedliche Handhabung

Als erstes Beispiel soll der Blick auf Spruch 38 gerichtet werden, dem Rudolf Steiner die Überschrift „Weihe-Nacht-Stimmung“ gegeben hat.

In der Originalhandschrift des Seelenkalenders hat Rudolf Steiner die einzelnen Verse oft ohne Satzzeichen gelassen. Ganz überwiegend schließt dort der letzte Vers des Spruchs mit einem Punkt. Ansonsten finden sich Satzzeichen nur vereinzelt. Dies trifft auch auf Spruch 38 zu:

Spruch der Weihe-Nacht-Stimmung (achtunddreißigste Woche) des Anthroposophischen Seelenkalenders, Faksimile der Handschrift Rudolf Steiners
Aus dem Faksimile der Originalhandschrift Rudolf Steiners – Spruch der Weihe-Nacht-Stimmung (achtunddreißigste Woche), Quelle: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Der Anthroposophische Seelenkalender und der Kalender 1912/1913, Nr. 37/38, Frühjahr/Sommer 1972, S. 18.

Die gängigen Textausgaben des Seelenkalenders fügen demgegenüber Satzzeichen ein. Woher diese genau stammen – ob sie beispielsweise auf die von Rudolf Steiner noch redigierte Ausgabe von 1925 zurückgehen – wird dort nicht nachgewiesen:

Ich fühle wie entzaubert
Das Geisteskind im Seelenschoß;
Es hat in Herzenshelligkeit
Gezeugt das heilige Weltenwort
Der Hoffnung Himmelsfrucht,
Die jubelnd wächst in Weltenfernen
Aus meines Wesens Gottesgrund.

Anthroposophischer Seelenkalender, Dornach/ Schweiz 1994

Ich fühle wie entzaubert
Das Geisteskind im Seelenschoß,
Es hat in Herzenshelligkeit
Gezeugt das heil’ge Weltenwort
Der Hoffnung Himmelsfrucht,
Die jubelnd wächst in Weltenfernen
Aus meines Wesens Gottesgrund.

Rudolf Steiner, Die Wochensprüche des anthroposophischen Seelenkalenders im Doppelstrom der Zeit beider Hemisphären, mit einem Nachwort herausgegeben von Michael Debus, 2. Auflage, Dornach/Schweiz 2000

Wie man sieht, gibt es bei diesem Spruch noch einen weiteren Unterschied. Während in der Debus-Ausgabe das „heil’ge“ mit der Auslassung erhalten blieb, wurde in der anderen Ausgabe ein „i“ eingefügt. Und dies, obwohl dort in einem Nachwort („Zur Ausgabe 1972“) hervorgehoben wird, dass die Ausgabe mit der Handschrift für die erste Ausgabe verglichen werden konnte.

Am Beispiel von Wochenspruch 30 lässt sich zeigen, dass zum Teil auch in der einen Ausgabe Punkte oder Doppelpunkte gesetzt werden, wo in der anderen Kommata die Verse trennen:

Es sprießen mir im Seelensonnenlicht
Des Denkens reife Früchte,
In Selbstbewusstseins Sicherheit
Verwandelt alles Fühlen sich.
Empfinden kann ich freudevoll
Des Herbstes Geisterwachen:
Der Winter wird in mir
Den Seelensommer wecken.

Anthroposophischer Seelenkalender, Dornach/ Schweiz 1994

Es sprießen mir im Seelensonnenlicht
Des Denkens reife Früchte,
In Selbstbewusstseins Sicherheit
Verwandelt alles Fühlen sich,
Empfinden kann ich freudevoll
Des Herbstes Geisterwachen,
Der Winter wird in mir
Den Seelensommer wecken.

Rudolf Steiner, Die Wochensprüche des anthroposophischen Seelenkalenders im Doppelstrom der Zeit beider Hemisphären, mit einem Nachwort herausgegeben von Michael Debus, 2. Auflage, Dornach/Schweiz 2000

In der Handschrift weist Spruch 30 keine Satzzeichen auf. Lediglich der letzte Vers wird mit einem Punkt beendet.

Nach den Rechtschreibregeln des Dudens kann der Doppelpunkt drei verschiedene Aufgaben erfüllen. Er steht

  • „vor angekündigten wörtlich wiedergegebenen Äußerungen, Gedanken oder Textstellen“,
  • „vor angekündigten Aufzählungen, Angaben, Erläuterungen, Titeln usw.“ oder
  • „vor Sätzen, die das vorher Gesagte zusammenfassen oder eine Schlussfolgerung daraus ziehen“.

    Quelle: Duden.de (aufgerufen am 25. Juli 2020)

Entspricht es dem Sinn des mit dem Doppelpunkt endenden Verses, den oder die nachfolgenden Verse als Zusammenfassung oder Schlussfolgerung erscheinen zu lassen? Um wörtliche Wiedergaben handelt es sich nicht; wohl auch nicht um angekündigte Aufzählungen oder Erläuterungen.

Bei der Wiedergabe der Wochensprüche hier im Blog wird die Wiedergabe der Satzzeichen nicht einheitlich gehandhabt und gelegentlich wird derselbe Wochensprüche an unterschiedlichen Stellen auch unterschiedlich wiedergegeben. Diese Ausführungen zu den Satzzeichen sollen nur dafür sensibilisieren, diese nicht als feststehend und unveränderbar, sondern als editorische Entscheidungen anzusehen, die der Leser hinterfragen und auf ihre Stimmigkeit prüfen sollte.

Handhabung der Satzzeichen spiegelt Leseweise des Herausgebers

Anfang Januar 2021 hatte ich in diesem Blogbeitrag eine Zwischenbilanz zu der Verwendung von Satzzeichen in den Wochensprüchen auf diesem Blog gezogen. Ein Leser verfasste hierzu folgenden Kommentar, den ich ausdrücklich zur Lektüre empfehlen möchte. Er schrieb:

Die Handhabung der Satzzeichen präferiert immer die Leseweise des Herausgebers vor allen anderen möglichen. Liest man die Sprüche gleichsam ”polyphon“, d.h. indem man gleichzeitig alle ohne die Satzzeichen denkbaren Varianten zu denken sucht, erschliessen sich ganz andere Verständnismöglichkeiten (Erfahrungswert aus 20 Jahren Seelenkalender allein und in Arbeitsgruppen). Was wollte Rudolf Steiner, indem er die Satzzeichen wegließ?

Stefan Carl em Huisken

Dadurch, dass seit dem Seelenkalender-Jahr 2021/ 2022 jedem Wochenspruch ein Faksimile des Originals vorangestellt und in den Erläuterungen zudem auf spätere Änderungen hingewiesen wird, hat jetzt jeder Leser die Möglichkeit, das Original ohne ergänzte Satzzeichen auf sich wirken zu lassen. Ich werde überlegen, in einem späteren Jahres-Durchgang alle vier Sprüche in der Originalform abzudrucken.


Hinweis: Zur Einfügung eines Auslassungszeichens in das Wort „Erinn’rung“ im zweiten Vers des 19. Spruchs siehe diesen Beitrag.

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